Preisträger der 39. Biberacher Filmfestspiele

Zwei Biber für „Back for Good“ – und ein Zuschauerrekord für die Filmfestspiele. Berührende Filme haben dieses Jahr die Herzen der Jurys erobert (Filmfest).

Die 39. Biberacher Filmfestspiele haben einen neuen Zuschauerrekord gebracht: ca. 15.000 Besucher kamen an den
fünf Festivaltagen – so viele wie noch nie. Der krönende Abschluss ist die Verleihung der insgesamt acht Biber bei der Filmfest-Gala Sonntagabend um 19 Uhr in der Stadthalle Biberach.

Der Debütspielfilm „Back for Good“ ist gleich doppelt ausgezeichnet worden: Nicht nur der Debütspielfilm-Jury, sondern auch der Schülerjury hat dieser Film am besten gefallen – Obwohl die Entscheidung den Schülern auf Grund der Menge an guten Filmen nicht leicht fiel. Wegen der “Schauspielerischen Leistungen” und der “komplexen und authentischen Charakterentwicklungen” konnten sie sich dann doch auf “Back for Good” einigen. In dem Familiendrama geht es um den C-Promi Angie, ihre Mutter und die kleine Schwester Kiki, welche an Epilepsie leidet. Für die Fachjury, bestehend aus Robert Buchschwenter, Dr. Wladimir Ignatovski und Mareille Klein, überzeugte vor allem “das gute Drehbuch, die unauf.dringliche, präzise Inszenierung und die hervorragende Leistung von Kim Riedle und dem restlichen Ensemble”.

Die Publikumsjury verleiht ihren Biber dem Regisseur Arto Sebastian und seinem Debüt-Spielfilm “Schneeblind”, welches sie als “düsteres und bildgewaltiges Kammerspiel” bezeichnen. Die Jury zeigt sich besonders beeindruckt von den hervor.ragenden Schauspielerischen Leistungen, der mutigen Kameraführung und der stimmungsvollen Musik. Das Nachkriegs.drama feierte in Biberach seine Welturaufführung und war mit einem entsprechend großen Team anwesend.
Den Biber für den besten Fernsehfilm bekommt “Die Notlüge” unter der Regie von Marie Kreutzer, die laut der Jury große Erzählfreude spüren lässt und ihre Figuren liebt. In dem Film geht es um eine Familienfeier, die wegen einer durch Rück.sichtnahme entstandenen Notlüge komplett aus dem Ruder läuft. “Die Notlüge” war auch Eröffnungsfilm des 39. Biber.acher Filmfestes und hat die Eröffnungsfeier mit seinem “Sinn für komödiantisches Timing” und mit seinen emotionalen Dialogen bereichert.

Als die beste Dokumentation zeichnet die Jury „ALGO MIO – ARGENTINIENS GERAUBTE KINDER” von Jenny Hell.mann und Regina Mennig aus. In der Dokumentation geht es um die innere Zerrissenheit der Protagonisten, die erst im Erwachsenenalter erfahren haben, dass Ihre Mutter nicht ihre leibliche Mutter ist und sie einem politischen Verbrechen zum Opfer gefallen sind. “Ein Blick auf die Wirklichkeit, der ohne politische Rücksichtnahme auskommt”.
Der Kurzfilmbiber geht an “Watu Wote” von Katja Benrath. Ihr knapp halbstündiger Spielfilm, mit dem sie bereits vor einigen Wochen in Los Angeles den goldenen Studentenoskar erhielt, erzählt eine wahre Begebenheit aus Kenia aus dem Jahr 2015, als bei einem Terroranschlag auf einen Bus eine kleine Gruppe Christen von Muslimen in Schutz genommen wurde. Am Besten gefallen den Jury Mitgliedern, dass in dem Film “menschliche Tugenden wie Courage, Solidarität und Mitgefühl gefeiert werden, die die Grenzen von Religion, Ideologie und Ressentiment überwinden können”.
In unserer neuen Kategorie, den Mittellangen Spielfilmen, konnte sich der Film “Nadryw” von Katja Ginnow gegen seine Konkurrenz durchsetzen. Als “eine märchenhaft satirische Zeitreise in das Deutschland der frühen 90er Jahre” beschreibt die Jury den Film. Im Gegensatz zu dem “scheußlichen Filmtitel” gefiel ihnen der anarchistische Humor und die zahlre.ichen kreativen Ideen im Film, so die Begründung.

Als bester Spielfilm des Festivals wurde der Film “Fremde Tochter” von Regisseur Stephan Lacant ausgezeichnet. Er bekam den Goldenen Biber und damit den mit 8.000 Euro höchstdotierten Preis. Obwohl man den Film nicht als Wohlfühlkino bezeichnen kann, hat er “mitten ins Herz getroffen” und wurde deshalb von der 5-Köpfigen Jury einstimmig ausgewählt. “Der Film ist kompromisslos erzählt, die Kameraarbeit ist virtuos. Die Schauspieler kommen einem näher als man vielleicht möchte.” so die begeisterte Jury.

Die kompletten Jury-Begründungen:
39. Biberacher Filmfestspiele

1. Publikumsbiber (dotiert mit 2.000 Euro)
Jury: Miriam Delvoye, Marion Deutsch, Roland Hähring, Franz Spindler, Max Rechtsteiner
Gewinner: Schneeblind (Arto Sebastian)
Begründung: Der diesjährige Preisträger beeindruckt als düsteres und bildgewaltiges Kammerspiel.
Hervorragende Schauspieler bestechen auch in stillen Momenten durch starke Präsenz. Gepaart mit
einer mutigen Kameraführung und stimmungsvoller Musik zeigt uns der Film durch die historische Brille,
dass in Extremsituationen Mancher bereit ist über Leichen zu gehen. Der Preis der Publikumsjury der
39. Biberacher Filmfestspiele geht an Schneeblind von Arto Sebastian.

2. Schülerbiber (dotiert mit 3.000 Euro)
Jury: Regina Grimm, Lena Kächerle, Marlene Liz Olenberg, Daniel Merkel, Maximilian Quast
Gewinner: Back for Good (Mia Spengler)
Begründung: Nachdem wir nun mehrere Tage fast im Kino gelebt haben und viele Filme gesehen haben, fiel uns die Entscheidung der Vergabe des Schüler-Bibers nicht leicht. Dennoch profilierte sich ein Film durch die hervorragenden schauspielerischen Leistungen sowie seiner abwechslungsreichen Story. Uns erschienen die Protagonisten sehr überzeu.gend und sie durchliefen im Verlauf der Geschichte eine komplexe und authentische Charakterentwicklung.
Deshalb fiel unsere Wahl auf die kurzweilige Tragikomödie „Back for Good“.

3. Kurzfilmbiber (dotiert mit 2.000 Euro)
Jury: Wilfried Hippen, Douglas Wolfsperger
Gewinner: Watu Wote (Katja Benrath)
Begründung: Wenn man vorher nichts über diesen Film weiß, ist es so gut wie unmöglich zu erraten, dass ein deutsches Team ihn gemacht hat. Und das ist hier eine entscheidende Qualität, denn erzählt wird eine universelle Geschichte und das muss so authentisch wie nur möglich getan werden. Die Filmemacher wollten unbedingt einen postkolonialistischen Blick auf das afrikanische Land vermeiden, in dem das von ihnen erzählte Drama tatsächlich vor ziemlich genau zwei Jahren passierte. Sie recherchierten ausführlich vor Ort, arbeiteten dort dann mit ansässigen Filmemachern und Darstell.ern zusammen und das Ergebnis ist ein Film der wahrhaftig und sehr bewegend wirkt, denn in ihm werden menschliche Tugenden wie Courage, Solidarität und Mitgefühl gefeiert, die die Grenzen von Religion, Ideologie und Ressentiment über.winden können. Der Kurz-Film-Biber geht an Watu Wote von der Autorin Julia Drache, dem Kameramann Felix Striegel, den Produzenten Tobias Rosen und der Regisseurin Katja Benrath.

4. U-60-Biber (dotiert mit 2.000 Euro)
Jury: Wilfried Hippen, Douglas Wolfsperger
Gewinner: Nadryw (Katja Ginnow)
Begründung: Ein Kind sieht seine Welt immer in leuchtenden Farben, und so geht es auch dem 10jährigen Protagonisten dieses Kurzspielfilms, der den Untergang des Landes, in dem er aufwuchs, als eine persönliche Kränkung erfährt und deshalb beschließt, sich auf eine originelle Art und Weise dagegen zu wehren. Der Film ist eine märchenhaft satirische Zeitreise in das Deutschland der frühen 90er Jahre und es gelang den Filmemachern deshalb so gut, diese vergangene Welt heraufzubeschwören, weil das Filmteam, die Darsteller und vor allem die Bewohner des kleinen Ortes, in dem die Dreharbeiten stattfinden, sich so offensichtlich mit viel Leidenschaft und Einfallsreichtum dafür engagierten. Den Film durchzieht ein anarchistischer Humor, und ist er so prall gefüllt mit kreativen Ideen, dass diese auch noch in Vor- und Ab.spann überschwappen. Trotz des scheußlichen Filmtitels geht der U60-Biber deshalb an den versponnenen Abgesang an die DDR “Nadryw“ von Katja Ginnow.

6. Debütbiber (dotiert mit 3.000 Euro)
Jury: Robert Buchschwenter, Dr. Wladimir Ignatovski, Mareille Klein
Gewinner: Back for Good (Mia Spengler)
Begründung: Eine Figur tritt aus dem Scheinwerferlicht in den ungeschminkten Alltag und lernt, Verantwortung für sich und ihre Nächsten zu übernehmen. Besonders das feine und lebendige Spiel der Hauptdarstellerin macht diese Entwick.lung packend und erlaubt einen Blick hinter alle Fassaden. Der Film überzeugt durch ein gutes Drehbuch, eine unaufdring.liche, präzise Inszenierung und die hervorragende Leistung von Kim Riedle und dem restlichen Ensemble. Die Debüt.film-Jury, bestehend aus Mareille Klein, Robert Buchschwenter und Wladimir Ignatovski, hat einstimmig entschieden, den Preis für den besten Debütfilm an Mia Spengler für den Film BACK FOR GOOD zu vergeben.

6. Dokubiber (dotiert mit 3.000 Euro)
Jury: Klaus Becker, Micheael Chauvistre, Silvia Häselbarth
Gewinner: Algo Mio (Jenny Hellmann, Regina Mennig)
Begründung: Wie fühlt es sich an, als Erwachsener feststellen zu müssen, dass die Mutter nicht die leibliche ist? Zumal, wenn herauskommt, dass sie einem politischen Verbrechen zum Opfer gefallen ist und die Zieheltern davon wussten? Der Film erzählt vom Erfolg der Großmütter beim Aufspüren ihrer Enkel und der Gefühlswelt der geraubten Kinder. Während Catalina mit Genugtuung die gerichtliche Verurteilung ihrer Zieheltern erlebt, gerät Hilario in einen großen Konflikt, er möchte die Familie, in der er aufwuchs schützen.
Die Filmemacherinnen nehmen uns mit auf eine Entdeckungsreise in die innere Zerrissenheit der Protagonisten, und sie sehen genau hin, zeigen unerwartete Wendungen und lassen uns Konflikte und menschliche Abgründe hautnah erleben. Den Filmemacherinnen gelingt es, die moralische Bewertung allein dem Zuschauer zu überlassen. Ein Blick auf die Wirkli.chkeit, der ohne politische Rücksichtnahme auskommt.

7. Fernsehbiber (dotiert mit 3.000 Euro)
Jury: Jochen Nickel, Daniel Reich, Marco Wiersch
Gewinner: Die Notlüge (Marie Kreutzer)
Begründung: Aus einer kleinen Ausgangssituation heraus gelingt dieser Komödie etwas beinahe Unmögliches: Mit leb.ensnahen, emotional glaubwürdigen Allltagsfiguren einen Gag auf den nächsten folgen zu lassen. Das herausragende Drehbuch wird vom gesamten Team mit großem Gespür umgesetzt; allen voran von einer uneitlen Kamera, die auf klein.stem Raum immer neue Blickwinkel findet, von Schauspielern, die einen ebenso großen Sinn für komödiantisches Timing wie für emotionale Wahrheiten beweisen, und nicht zuletzt von einer Regie, die große Erzählfreude spüren lässt und ihre Figuren liebt. Dafür verleihen wir den Fernsehbiber dem Eröffnungsfilm der Festspiele: DIE NOTLÜGE.

8. Goldener Biber (dotiert mit 8.000 Euro)
Jury: Jürgen Bretzinger, Bastian Cleve, Didi Danquart, Hans Geißendörfer, Jakob Pochlatko
Gewinner: Fremde Tochter (Stephan Lacant)
Begründung: Der Film, den wir einstimmig als besten Spielfilm des Filmfest Biberach 2017 gewählt haben, hat uns mitten ins Herz getroffen. Kein Wohlfühlkino. Nein. Ein Film mit politischer Relevanz: Realistisch bis an die Schmerzgrenze. Zum Mitfühlen und Mitleiden. Fast zum Verzweifeln. Fast. Eine vielschichtige Auseinandersetzung zwischen westlich-christlicher Lebenshaltung und dem Islam. Das Bindemittel ist die Liebe und der Respekt vor dem einzelnen Menschen. Der Film ist kompromisslos erzählt, die Kameraarbeit ist virtuos. Die Schauspieler kommen einem näher als man vielleicht möchte.