Von Sängern und Mördern. Dokumentarfilm von Stefan Eberlein.

Von Sängern und Mördern. Dokumentarfilm von Stefan Eberlein.

Von-Saengern-und-Moerdern-600pxl-KopieSie performen den Song ihres Lebens. Singen oder rappen von Heimweh, Liebe und der Bitte um Vergebung.

Der neue Dokumentarfilm VON SÄNGERN UND MÖRDERN über einen Sängerwettbewerb in russischen Gefängnissen, der im Dezember Weltpremiere auf dem Artdokfest in Moskau hatte und beim Münchener Dokfilmfest im Internationalen Programm gezeigt wurde, läuft am 7. September in den deutschen Kinos an. Sondervorführung in Biberach am Dienstag, 12. September um 20 Uhr im Stardust.

Es sind starke Stimmen zu wehmütigen Melodien. Sie gehören Dealern und Diebinnen, Räubern, Totschlägern oder Mörderinnen – eingesperrt in einem der rund tausend russischen Gefängnisse und Straflager zwischen St. Petersburg und Wladiwostok. Sie alle träumen davon, beim Gesangswettbewerb „Kalina Krasnaja“ (deutsch: „Roter Holunder“), mitmachen zu dürfen. Für seinen Dokumentarfilm „Von Sängern und Mördern“ hat sich Stefan Eberlein zwischen 2012 und 2015 in eine verschlossene Parallelwelt begeben und den Song Contest hinter Gittern beobachtet. Jeder der schätzungsweise 700.000 Gefangenen Russlands darf teilnehmen. Er bietet die Hoffnung auf die rare Chance, der unerbittlichen Monotonie von Gefängnis und Straflager auf Zeit zu entkommen. Als Verheißung lockt die Ehre, zu den etwa 35 Auserwählten zu gehören, die bei der jährlichen Konzert-Gala auftreten. Das nicht unumstrittene Projekt wurde 2003 von dem Moskauer Musiklabel „Sojus Production“ ins Leben gerufen. „Resozialisierung durch Kreativität“ ist die Idee dahinter. Für Natalia Abaschkina, Regisseurin der Show und Seele des Programms, ist es eine Berufung. Unermüdlich reist sie durchs Land, sucht Talente und kümmert sich um ihre Schützlinge. Sie ist den strafgefangenen Männern und Frauen Mutter, Coach, Seelsorgerin, Bewährungshelferin. Stefan Eberlein hat Natalia durch halb Russland begleitet, sein Film schafft Einblicke in die Parallelwelt der Straflager. In den von Tragödien und Brüchen gezeichneten Lebensgeschichten der Protagonisten spiegelt sich die gesellschaftliche Realität eines Staates, der noch immer von Willkür und Brutalität geprägt ist. Aber „Von Sängern und Mördern“ macht auch sichtbar, dass es sogar in der rauen Wirklichkeit des heutigen Russland möglich ist, zutiefst menschlich zu handeln – und zeigt, welche Kraft Musik freisetzen kann.
Website: www.singers-and-murderers.com

Von Sängern TrailerKino from Manuel Fenn on Vimeo.

DIRECTORS STATEMENT

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, aber als ich 2010 mit den Recherchearbeiten zum Film über den Gesangswettbewerb „Kalina Krasnaja“ begann, waren Russland und Deutschland gut befreundet. Dies war die wichtigste Voraussetzung für meine Idee, über den ungewöhnlichen Wettbewerb hinaus die unbekannte, aber stark mystifizierte Parallelwelt der Gefängnisse und Straflager in Russland wenigstens partiell filmisch zu erschließen. 2014, gerade als wir mit den Dreharbeiten begannen, änderte sich alles. Russische Truppen besetzten die Krim, der neue Kalte Krieg brach aus, Westeuropäern wurde der Zutritt zu den Strafkolonien verboten. Das waren katastrophale Entwicklungen, der Abbruch des Projekts stand im Raum. Aber dann passierte Erstaunliches. Je schärfer die politische Krise wurde, desto enger rückten wir mit unseren russischen Partnern zusammen. Wir stellten ein einheimisches Team zusammen, das in den Gefängnissen drehte und die kurze Zeit, die wir dort zur Verfügung hatten, so gut wie möglich nutzte. Wjatschislav Klimenkov, der mit seinem Musiklabel „Sojus Produktion“ den Gesangswettbewerb organisiert, half uns, wo er konnte. Anfangs hatte er uns misstraut, wurde der Gesangswettbewerb in westlichen Medien doch immer als Propagandainstrument der russischen Regierung abgetan. Klimenkov fürchtete, wir würden in dieselbe Kerbe hauen, während er sein Projekt gleichzeitig auch innenpolitisch scharfer Kritik ausgesetzt sah. So gibt es viele Politiker und Systemtreue, die verurteilen, dass man Kriminellen ein so großes Forum bietet, wie es beim Gala-Abend „Kalina Krasnaja“ einmal im Jahr der Fall ist. Aber gerade weil so viele Kräfte von verschiedenen Seiten an seinem Projekt zerrten, schätzte Klimenkov es jetzt, dass wir nicht aufgaben, und öffnete uns Türen, die längst zugeschlagen waren. Wir wurden gute Freunde, und unsere Freundschaft – konträr zur politischen Großwetterlage – wurde zur zentralen Voraussetzung für diesen Film.
Stefan Eberlein

VITA

Stefan Eberlein, Jahrgang 1967, wuchs im Baden-Württembergischen Biberach auf und studierte Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Neuere Geschichte an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Er arbeitete als Assistent für Romuald Karmakar („Der Totmacher“) und hat zusammen mit Manuel Fenn in seiner Produktionsfirma Filmbüro Süd ca. 35 Dokumentarfilme, Doku-Serien und Reportagen produziert. Seine Filme liefen auf nationalen und internationalen Festivals. Sein größter Erfolg war der Kinodokumentarfilm PARCHIM INTERNATIONAL.
Auswahl Regiearbeiten:
2002 -2006 EINSATZ IM KRISENGEBIET/THE MISSION (5×30 Min.) Dokuserie über die Soforthelfer des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen
2010 AB NACH TADSCHIKISTAN (30 Min.) Urlaub als Wahlbeobachter
2011 WUTBÜRGER (45 Min.) Zwei Senioren und ihr Protest
2015 PARCHIM INTERNATIONAL (90 Min). Der chinesische Investor Jonathan Pang und sein Traum eines Großflughafens in Mecklenburg-Vorpommern. Preise: Deutscher Regiepreis Metropolis 2016, Publikumspreis Münchner Dokfest 2016, Lobende Erwähnung Dokfest Leipzig 2016, Bester Dokumentarfilm Filmfestival Achtung Berlin, Bester Dokumentarfilm Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern
2016 VON SÄNGERN UND MÖRDERN (87 Min.). Am Sängerwettbewerb „Kalina Krasnaja“ in russischen Gefängnissen kann jeder Gefangene Russlands teilnehmen, egal ob Betrügerin oder Mörder. Jedes Jahr bewerben sich über 1000 Gefangene. Internationale Premiere Artdocfest Moskau Dez 2016

Fotos: Stefan Eberlein